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München – Sozialverantwortlicher Tourismus – was ist das? Marko Junghänel, Vorstand beim Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, weiß es. Und auch, warum sich die Reiseindustrie damit so schwer tut – ebenso wie ihre Kunden.

Der Umweltgedanke hat seit geraumer Zeit Einzug in die Tourismusstrategien gehalten. Anders sieht es aus beim sozialverantwortlichen Tourismus. Warum tut sich die Branche bei diesem Thema so schwer?

Junghänel: Das hat möglicherweise mit der Definition des sozialverantwortlichen Tourismus zu tun, der doch schwieriger einzugrenzen ist. Man kann den Begriff eng fassen und allein anständige Löhne für die im Tourismus arbeitenden Menschen fordern. Oder man bezieht sämtliche Frage der touristischen Entwicklung – die Schaffung der Infrastruktur, Standort- und Eigentumsfragen, also wem gehört das Land – mit ein. Das hat dann weitreichende Folgen für das Geschäftsmodell, dann wird es kritisch.

Inwiefern?

Wenn sie sozialverantwortlichen Tourismus bis zum Ende durchdeklinieren, dann müssen Sie menschenrechtliche und sozialpolitische Dimensionen in Ihre Investitionen einbeziehen. Das schlägt sich unmittelbar auf die Rendite nieder. Ich fürchte, dass die Unternehmer, die auf Badetourismus setzen und günstige Preise anbieten wollen, diese Kosten nicht übernehmen möchten.

Aber ist nicht auch der Urlauber offener für das Thema Umwelt und Natur als für Fragen von Rechten der Hotel-Angestellten oder Bewohner in den Urlaubsdestinationen?

Ökologische Aspekte sind in den Köpfen der Reisenden mittlerweile gut verankert: Schließlich möchte niemand seine Ferien neben einer Müllkippe verbringen. Aber auch bei Themen wie Menschenrechten, Gleichberechtigung oder Kinderschutz gibt es einen Wandel im Bewusstsein. Immer mehr Urlauber – das zeigt unsere jüngste Reiseanalyse – interessieren sich für die Situation der Bevölkerung vor Ort.

Aber?

In der Praxis ist der Reisende bei ökologischen Themen schneller bereit, auch sein eigenes Handeln zu hinterfragen. Bei dem Thema sozialverantwortlicher Tourismus drückt der Kunde dann eher ein Auge zu, weil es so schlimm schon nicht sein wird, und handelt in gewohnter Weise.

Sie begehen diese Woche den Tag der indigenen Völker – und schreiben schon länger den Wettbewerb „To Do!“ aus. Worum geht es da?

Der Wettbewerb wird seit 1995 jährlich im August ausgerufen und dann zur ITB im Folgejahr vergeben. Der Studienkreis will damit sozialverantwortlichen Tourismus fördern, in dem wir die Anbieter vor Ort unterstützen. Vorgeschlagen werden die Projekte auf Eigeninitiative von privaten Unternehmen und Einrichtungen des Tourismusgewerbes, öffentlichen Institutionen sowie sonstigen juristischen Personen.

Und was sind die Wettbewerbskriterien?

Grundvoraussetzung ist die aktive Partizipation der lokalen Bevölkerung in der Planungsphase und im gesamten Verlauf des Projekts. Die Teilnahme umfasst dabei sowohl die Einbeziehung der unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung bei grundsätzlichen Entscheidungen als auch deren Teilhabe am wirtschaftlichen Nutzen, also die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Sinne von menschenwürdiger Arbeit in Bezug auf Entlohnung, soziale Sicherung, Arbeitszeiten sowie Aus- und Weiterbildung.

Geht es dabei immer um indigene Völker in den sogenannten Entwicklungsländern? Oder können auch Projekte in den Industrieländern daran teilnehmen?

Die gesamte Tätigkeit des Studienkreises richtet sich schon an Schwellen- und Entwicklungsländer. Es ist zwar keine Voraussetzung für die Teilnahme am Wettbewerb, dass indigene Völker beteiligt sind, aber in der Praxis kommen die allermeisten Projekte – ich denke 98 bis 99 Prozent – aus diesem Kreis. Ich kann mich, zumindest bei den Preisträgern, an kein Projekt erinnern, wo dies nicht der Fall war.

Müssen auch in Europa Menschen dem Tourismus weichen?

Sie denken wahrscheinlich an Destinationen wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik? Ich kann mir vorstellen, dass solche Phänomene des Overtourism in den genannten Städten die Kultur und Identität der Einheimischen zerstört und Projekte, die dagegen wirken, auch zum Wettbewerb eingereicht werden können. Ein Ausschlusskriterium wäre allerdings Gewalt, wie sie jüngst in Barcelona gegen einen Touristenbus ausgeübt wurde.

Wie gewährleisten Sie, dass die eingereichten Projekte auch den Kriterien entsprechen?

Wir haben ein Auswahlgremium, das sich aus Mitarbeitern der Geschäftsstelle und des Vorstands zusammensetzt. Die wählen aus den eingereichten Projekten mehrere Kandidaten in den engeren Kreis. Ein Team von Fachleuten, die die Kultur der Zielregion gut kennen und auch die Landessprache sprechen, besucht dann eine Woche lang das Projekt, spricht mit den Verantwortlichen und schaut sich alles an. Am Ende entscheidet dann eine Jury aus Experten mit Fachkenntnissen im Bereich sozialverantwortlicher Tourismus über die Vergabe.

Wie profitiert das Gewinnerprojekt vom Wettbewerb?

Zum einen gibt es ein Preisgeld in Höhe von 5000 Schweizer Franken, zum anderen laden wir die Gewinner zur Verleihung nach Berlin auf die ITB ein – und sorgen dafür, dass sie dort Kontakte zu Veranstaltern knüpfen können. Die Projekte sollen ja dauerhaft überleben, deshalb sind wir dann interessiert, dass Studienreiseveranstalter wie beispielsweise Studiosus die Projekte dann auch mit ins Programm nehmen.

Gelingt das auch?

Das ist nicht die Regel und es ist auch nicht so, dass alle Projekte dauerhaft überleben. Der Anteil derer, die sich langfristig am Markt halten konnten, liegt bei etwa 60 Prozent.

Wie wird das Ganze finanziert?

Das Preisgeld stellt uns die Schweizer Stiftung für Solidarität im Tourismus zur Verfügung und der Betrag – obwohl nicht zweckgebunden – fließt in der Regel auch wieder in die Weiterentwicklung des Projekts. Desweiteren bekommen wir seit Jahren eine finanzielle Unterstützung vom Bundesentwicklungsministerium für die nicht unerheblichen Kosten der Jury-Arbeit. Wir sprechen da von etwa 50 000 Euro pro Jahr – je nachdem, welche Projekte eingereicht wurden. Es gibt aber auch Kooperationspartner aus der Wirtschaft, die uns beispielsweise bei den Reisekosten unterstützen.

In der Zielsetzung ist vom Recht auf Abwehr oder Verneinung – beispielsweise des westlichen Lebensstils – die Rede. Gilt das auch für vermeintlich westliche Werte wie Gleichstellung der Frau, Kinderarbeit?

Auch wenn Fragen wie Gleichberechtigung oder Kinderarbeit in anderen Gesellschaften anders bewertet werden, gibt es doch eine Grenze, auf die man sich einigen kann. Und die darf nicht überschritten werden. Wenn es um Ausbeutung von Kindern geht, auch um sexuelle Ausbeutung oder darum, Frauen von jeglicher Teilhabe auszuschließen, dann ist das auch mit kultureller Verschiedenheit nicht mehr erklärbar. Ich würde das auch nicht als westlich zentrierten Blick bezeichnen. Leitmotiv sind die Menschenrechte – und die sind nicht teilbar.

Wenn Sie ein Sozial-Gütesiegel analog zu den existierenden Öko-Labeln etablieren könnten, was wären deren Kernpunkte?

Da können wir auf die Kriterien des Wettbewerbs zurückgreifen: Wenn es nachweislich gelingt, dass die Bevölkerung an der touristischen Entwicklung partizipiert, dann wäre das ein zentraler Punkt für ein solches Label. Ein zweiter ist der Aspekt der Menschenrechte, sei es Arbeitsrechte, Eigentumsrechte oder Gleichberechtigung.

Und wann glauben Sie, wird es ein solches Siegel am deutschen Markt geben?

Mit Sicherheit nicht heute oder morgen. Bis sich das – ähnlich wie das Ökosiegel – durchsetzt und der Urlauber auch sein Handeln danach richtet, wird es optimistisch geschätzt, mindestens zehn Jahre dauern.


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