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Wernigerode – Welchen Anteil hat der Tourismus an der Plastikmüll-Flut? Und was tut die Branche dagegen? Mehr weiß Harald Zeiss, Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Harz und Vorstandsvorsitzender der Nachhaltigkeitsinitiative Futouris.

Plastikmüll wird eine immer größere Bedrohung für die Weltmeere. Welchen Anteil hat der Tourismus daran?

Zeiss: Das zu beziffern ist sehr schwer. Sicher ist es so, dass der Plastikmüll in den Weltmeeren nicht in erster Linie vom Tourismus produziert wird. Es geht auch nicht darum, den Anteil der Branche zu benennen, sondern um grundsätzlich den Einsatz von Kunststoffen zu thematisieren – und da ist die Tourismusbranche natürlich gefragt, umso mehr, als sie von der Verschmutzung der Meere unmittelbar betroffen ist. 

Was lässt sich innerhalb der Branche vermeiden?

Natürlich gibt es in der Hotellerie, auf dem Kreuzfahrtschiff oder im Flugzeug jede Menge Plastikmüll, der vermeidbar ist. Denken Sie beispielsweise an den Plastikstrohhalm im Cocktail oder die unzähligen kleinen und großen Plastikwasserflaschen, die im Hotel im Zimmer auf den Gast warten oder auf einer Bustour an die Reisenden verteilt werden. Das Problem ist jedoch ein anderes.

Welches?

In vielen Urlaubsregionen – nehmen wir beispielsweise Vietnam – gibt es keine vernünftige Abfallentsorgung oder einen funktionierenden Mehrwegkreislauf. Es fehlt dafür an der notwendigen Infrastruktur, folglich landet vieles auf offenen Mülldeponien – und gelangt von dort in die Landschaft und das Meer. Zudem ist der Konsum in vielen dieser Länder schon stark mit Plastik behaftet. In Vietnam bekommen Sie auf dem Markt eine Kokosnuss in einer Plastiktüte verpackt, alles was Sie kaufen, landet in kleinen Plastiktüten. Die werden dann in die Natur geworfen, verrotten da oder werden mit dem nächsten Monsun in den Ozean gespült. Das ist alles Ausdruck einer sehr kunststofforientierten Wirtschaft, verbunden mit einer schlechten Müllentsorgung.

Angesichts dessen: Was kann die Branche da überhaupt ausrichten?

Nach meiner Erfahrung sind es die sozialen Denkprozesse, die der wesentliche Hebel für eine Veränderung sind – und da kann die Branche durchaus ansetzen. Die Vermeidung von Strohhalmen im Hotel wird nicht zu einer eklatanten Säuberung der Meere führen, das ist allen Beteiligten klar. Aber sie kann eine Diskussion in Gang setzen, ein Zeichen setzen und langfristig zu einem Kulturwandel führen. Wir haben immer noch starke Imitations-Effekte von der sogenannten Ersten in die Dritte Welt. Wir exportieren ja auch Kultur: In dem Moment, wo der Strohhalm aus unserem Cocktail verschwindet, ist es vielleicht auch dort nicht mehr chic. Wir sollten da viel öfter Vorbild sein.

So wie einige Hotelketten, die angefangen haben, Plastik aus den Zimmern und Bars zu verbannen?

Genau. Ich hoffe, dass das nicht einmalige Aktionen sind. Dann bringt das auch etwas. Allein, weil eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet – unter den Mitarbeitern, aber auch den Gästen. Ich bin mir sicher, wenn so etwas erst einmal angestoßen ist, dann kommt bald das nächste Nachhaltigkeitsthema – und der Prozess geht immer weiter.

Ist es den aus ökologischer Sicht in jedem Fall sinnvoll, Plastik zu ersetzen?

Nein, nicht überall und immer fällt die Ökobilanz für das Plastikprodukt schlechter aus, als für das Naturprodukt. Aber die Beurteilung dessen ist viel zu kompliziert, als dass wir uns einfach hinstellen könnten und sagen: Solange ich die Ökobilanz nicht kennen, mache ich gar nichts. Es geht – wie gesagt – darum, Denkprozesse anzustoßen.

Auch Veranstalter wie Thomas Cook wollen auf Plastik verzichten. Was halten Sie von diesen Initiativen?

Auch das ist ehrenwert und zu begrüßen. Bei einem so großem Konzern wie Thomas Cook stehen ganz anderen Volumina dahinter. Hier jetzt alle Prozesse umzustellen, ist sicher eine Mammutaufgabe, an der sich der Reiseveranstalter messen lassen muss. Ich hoffe, dass da die Presse dann auch mal nachhakt, ob das passiert. Letztendlich ist das auch der Zeitgeist: Wir werden immer mehr Nachhaltigkeitsthemen in den öffentlichen Diskurs bekommen – und davon kann sich auch die Tourismusbranche nicht entkoppeln.

Sie sind ja auch Vorstandsvorsitzender von Futouris. In wie weit engagiert sich Ihr Verband beim Thema Plastik im Tourismus?

Das Thema Ressourcen steht bei uns immer im Vordergrund. Im kommenden Jahr wollen wir das Thema Müll- beziehungsweise Plastikmüllvermeidung auf unsere Agenda heben und auf der ITB 2019 entsprechende Projekte vorstellen.

Worum geht es da konkret?

Ganz detailliert, da bitte ich um Verständnis, wollen wir damit noch nicht an die Öffentlichkeit, aber so viel kann ich Ihnen sagen: Es handelt sich um ein Projekt, das wir gemeinsam mit der Regierung der Balearen durchführen wollen. Und es geht dabei um Müllvermeidung und Entsorgung auf den Ferieninseln – und wie sich die Tourismusbranche und vor allem die Hotellerie konkret einbringen können.


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