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Hamburg – Die Mitglieder des Forum Anders Reisen werben ausschließlich mit nachhaltigen Urlaubsangeboten – seit fast 20 Jahren. Geschäftsführerin Petra Thomas zieht Bilanz.

Das Forum Anders Reisen wird 20 Jahre. Inwieweit hat sich das Bewusstsein für nachhaltiges Reisen in den zwei Dekaden verändert?

Thomas: Gerade in Deutschland gibt es ja ein großes Bewusstsein für einen allgemein nachhaltigeren Lebensstil – und das betrifft natürlich auch das Reisen. Bei den Buchungen allerdings findet das noch nicht den Niederschlag, den wir uns wünschen, da klafft Anspruch und Wirklichkeit doch noch auseinander.

Woran liegt das?

Ein Grund, der bei vielen Studien zum Thema immer wieder genannt wird, ist der, dass die Angebote nicht immer klar genug erkennbar sind. Gerade für kleinere Veranstalter, die nachhaltige Reisen anbieten, ist es schwierig, sich am Markt bekannt zu machen. Da versuchen wir vom Forum Anders Reisen gemeinsam sichtbarer zu werden.

Ist der Anteil an nachhaltigen Reisen seit Gründung des Forums gestiegen?

Was die organisierten Reisen betrifft, haben wir schon eine steigende Tendenz, die allerdings im niedrigen einstelligen Bereich liegt. In Deutschland werden immer noch 70 Prozent der Reisen von den sieben großen Veranstaltern durchgeführt – und die sind allesamt nicht im Forum engagiert.

Wie definieren Sie eigentlich nachhaltiges Reisen?

Es gibt drei Säulen der Nachhaltigkeit: Die Umwelt, die wirtschaftliche Fairness und die soziale Nachhaltigkeit. Wir streben eine Tourismusform an, die langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften ist.

Muss Reisen da nicht zwangsläufig teurer werden?

Im Mittelpunkt stehen faire Preise. Das heißt aber nicht, dass eine nachhaltige Reise automatisch teurer sein muss. Im ökologischen Bereich – nehmen Sie ein Hotel mit einem vernünftigen Müllvermeidungssystem, mit erneuerbarer Energie und wirksamen Maßnahmen zur Wassereinsparung – kann der Preis sogar niedriger sein als bei einem vergleichbaren, herkömmlichen Angebot. Anders ist es natürlich im sozialen Bereich: Wer seinen Mitarbeitern faire Löhne zahlt, wird seinem Kunden schwerlich ein billiges All-Inklusive-Angebot machen können.

Wie viele Mitglieder hat das Forum eigentlich?

Wir pendeln seit einigen Jahren recht stabil bei 135 bis 140 Mitgliedern. Es kommen immer wieder neue Unternehmen dazu, allerdings gibt es auch eine starke Fluktuation, weil sich viele kleine Veranstalter am Markt nicht halten können. Umso erfreulicher ist es, dass wir bei Umsatz und verkauften Reisen – trotz gleichbleibender Mitgliedszahlen – dynamisch wachsen.

Können Sie da konkreter werden?

Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die im Forum organisierten Unternehmen mit 144 000 verkauften Reisen rund 260 Millionen Euro Umsatz – das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit wachsen wir deutlich stärker als der Markt insgesamt und erreichen im Veranstalter-Ranking, nach Studiosus, immerhin Platz zwölf.

Ist der ökologische Fußabdruck Ihrer Reisen tatsächlich besser als beispielsweise der von TUI oder Thomas Cook?

Das hängt sehr vom Produkt ab. Ein Flug nach Indien hat ja erst mal denselben ökologischen Fußabdruck – egal ob Sie bei TUI oder einem unserer Veranstalter buchen. Wir versuchen dann unseren Kunden zu einer längeren Reise zu motivieren: Das verringert die C02-Emmission pro Reisetag, es vergrößert die Wertschöpfung im Reiseland – und nebenbei auch den Erholungseffekt für den Reisenden. Zudem kompensieren unsere Mitglieder die Emissionen der Flugreise mithilfe von Atmosfair – eine Organisation, die wir vor 14 Jahren mitbegründet haben.

Von Kritikern wird die Kompensation gerne als moderner Ablasshandel, der die Luftverkehrsindustrie reinwäscht, beurteilt?

Eine Kritik, die mich schon etwas ärgert, denn die daraus resultierende Forderung, auf das Reisen zu verzichten, ist schlicht unrealistisch. Natürlich müssen wir, um den Klimawandel zu stoppen, an die Ursachen ran. Ein entscheidender Schritt hierfür ist es, umweltverträgliche Energieversorgung auch in den nicht entwickelten Ländern zu ermöglichen. Das tun wir auch mit den Kompensationsprojekten – beispielsweise in Nepal, wo wir in abgelegene Regionen Biogas- und Photovoltaik-Anlagen bringen. Diese Energiewende ist der Schlüssel, um Klimaschutz zu betreiben.

Wie bewerten Sie das Nachhaltigkeits-Engagement der großen Veranstalter?

Dass sie etwas tun, ist ein zumindest ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage für solche Reisen beim Konsumenten gestiegen ist. Wie nachhaltig die einzelnen Angebote der Konzerne wirklich sind, kann ich Ihnen nicht sagen, da ich die Details nicht kenne. Ich glaube allerdings, dass sich ein Unternehmen sehr schwer tun würde, eine Reise als nachhaltig zu verkaufen, die es in keiner Weise ist. Dafür ist der Kunde heutzutage zu kritisch.

Was muss ein Veranstalter tun, damit er bei Ihnen mitmachen darf?

Unsere Mitglieder haben im Laufe der letzten 20 Jahren einen zwölf-seitigen Kriterienkatalog erstellt, der detailliert beschreibt, was wir unter nachhaltigem Reisen verstehen. Wer mitmachen will, muss sich zur Einhaltung dieser Kriterien verpflichten. Das überprüft ein unabhängiger Zertifizierungs-Rat im Corporate Social Responsibility-Prozess. Der gibt messbar und nachprüfbar Auskunft darüber, welche soziale, ökologische und ökonomische Verantwortung ein Unternehmen in seiner Geschäftstätigkeit übernimmt – vom Papierverbrauch im Büro bis zur Unterkunft im Reiseland.

Und was kostet die Mitgliedschaft?

Das ist abhängig von der Unternehmensgröße, der kleinste Beitrag liegt bei 440 Euro im Jahr. Damit erreichen wir ein Jahresbudget von etwa 450 000 Euro.

Was passiert damit?

Mit dem Geld finanzieren wir die Geschäftsführung, gemeinsame Öffentlichkeitarbeit der Mitglieder, die politische Lobbyarbeit oder auch das Engagement im Verein mit anderen Nachhaltigkeitsinitiativen.

Und wie machen Sie auf Ihre Arbeit aufmerksam?

Wir sind natürlich auf den wichtigen Fachmessen vertreten, haben ein gemeinsames Internetportal mit knapp 4000 Reisen und einen Gemeinschaftskatalog, in dem wir auf unsere nachhaltigen Angebote aufmerksam machen. Jedes Mitglied kann dabei selbst bestimmen, bei welcher dieser Marketingmaßnahmen es dabei sein möchte. Für den einen ist die Messe das Richtige, ein anderer setzt auf den Onlinevertrieb oder den Katalog. Das ist individuell ganz verschieden.


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