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Berlin – Das Bundeswirtschaftsministerium entzieht der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für alle (NATKO) zugesagte Gelder – beklagt Vorstandsvorsitzender Rüdiger Leidner.

Das Bundeswirtschaftsministerium will angeblich seine Finanzierungszusage für das Zertifizierungssystem Reisen für alle zurückziehen. Ihr Kommentar?

Leidner: Es hat entgegen der früheren Absprachen die Unterstützung der NATKO beim Aufbau des Zertifizierungssystems Reisen für alle zurückgezogen. Wir waren beauftragt worden, die Einführungsphase dieses Zertifizierungssystems zu unterstützen, indem das System bei behinderten Reisenden und auch der Tourismuswirtschaft noch stärker bekannt gemacht wird. Dafür gibt es nun kein Geld mehr. Die Fortentwicklung des Zertifizierungssystems durch das Deutsche Seminar für Tourismus wird dagegen weiterhin bezuschusst.

Was heißt das für Ihren Verein?

Dass führt dazu, dass uns ganz plötzlich wesentliche Einnahmen wegfallen, die wir auch nicht kurzfristig ersetzen können. Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Mitglieder, die Behindertenverbände, zu dem Ergebnis kommen, dass das finanzielle Risiko unter diesen Umständen zu groß ist und dass sich der Verein möglicherweise auflöst. Das würde bedeuten, dass die Verbände der Behinderten an der Fortentwicklung und Verbreitung des Zertifizierungssystems – entgegen der Regelung in der UN-Behindertenrechtskonvention – keinerlei Mitspracherecht mehr haben.

Wie hoch ist Ihr Budget und woher kommt es?

Die NATKO ist 1999 gegründet worden und verfügte in den ersten Jahren über eine Anschubfinanzierung aus dem damaligen Bundesministerium für Gesundheit und Soziales. Die wurde nach einigen Jahren umgestellt auf eine reine Projektförderung, die wiederum von Jahr zu Jahr zurückgefahren wurde. Wenn jetzt, wie beschrieben, die Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums ausfällt und auch sonst keine weiteren Gelder fließen, dann haben wir in diesem Jahr ein Budget in Höhe von nicht einmal 100 000 Euro. Dann sind wir - wenn auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Bundesgesundheitsministerium unsere Projektanträge ablehnen sollten - in einigen Monaten nicht mehr handlungsfähig.

Angesichts dessen: Wie ernst kann man die Beteuerungen der Regierung nehmen, barrierefreien Tourismus zu fördern?

Die Regierung würde wahrscheinlich sagen, dass die Förderung barrierefreien Tourismus nicht zwingend über die NATKO erfolgen müsse. Wir dagegen halten es für ein Lippenbekenntnis, wenn die Regierung beim barrierefreien Tourismus zwar die Wirtschaft unterstützt, die Behindertenselbsthilfe aber nicht mehr einbindet.

Welche Hoffnung haben Sie denn, dass es nicht zum Schlimmsten kommt?

Wir haben beim BMAS einen Projektantrag gestellt, der allerdings noch nicht entschieden ist. Auf jeden Fall wird es so sein, dass das Geld – wenn es denn überhaupt fließt – nicht vor Sommer oder Herbst kommt. Ob die Mitgliedsverbände solange warten wollen, kann ich Ihnen nicht sagen.

Kommen wir einmal zurück zum Zertifikat. Was hat es damit auf sich?

Im Moment ist es ja so, dass wir über die Eignung barrierefreier Angebote fast nur Selbstauskünfte der Anbieter haben. Detailliertere Informationen muss der Reisende nachfragen, dabei ist er darauf angewiesen, dass beispielsweise der Hotelier auch über die Qualifikation verfügt, zu beurteilen, ob sein Angebot als Ganzes und nicht nur einzelne Elemente – beispielsweise das Zimmer oder der Aufzug – behindertengerecht sind. Das von der NATKO mitentwickelte Zertifizierungssystem soll – mithilfe festgelegter Kriterien und durch geschulte Prüfer – diese Eignung feststellen. Wir haben zwar die Kriterien und Schulungskonzepte mitentwickelt, sind aber bei der Entscheidung, ob ein Angebot eine Zertifizierung auch bekommt, nicht mehr beteiligt.

Warum nicht?

Das wurde im letzten Jahr im Projektbeirat von der Tourismuswirtschaft und einigen anderen Vertretern als zu teuer abgelehnt. Das ist umso unverständlicher, da das Wirtschaftsministerium damals noch erklärt hatte, genügend Haushaltsmittel erhalten zu haben, um das Projekt finanziell stärker unterstützen zu können.

Wie kann ich als Anbieter ein Zertifikat erlangen?

Momentan beteiligen sich zwölf von 16 Bundesländern an diesem System. Wenn Sie ihren Betrieb – sei es ein Hotel oder ein Museum – geprüft haben möchten, melden Sie ihn bei der zuständigen Landesmarketingorganisation an, die dann einen Prüfer schickt. Die Ergebnisse werden an das Deutsche Seminar für Tourismus gemeldet, das wiederum entscheidet, ob der Betrieb ein Zertifikat bekommt – und welches.

Wie viele Unternehmen oder Angebote sind zertifiziert?

Gegenwärtig sind es bundesweit und über alle Behinderungsarten gerechnet rund 2000 Angebote, davon sind 40 Prozent Beherbergungseinrichtungen. Das heißt aber nicht, dass die alle uneingeschränkt barrierefrei sind und den eigenen Ansprüchen auch genügen.

Wie viel barrierefreie Angebote gibt es überhaupt in Deutschland? Wie haben sich die Angebote in den letzten Jahren entwickelt?

Dass kann ich Ihnen nicht sagen, da ja alles, was sich außerhalb der 2000 zertifizierten Angebote bewegt und beispielsweise ein Rollstuhlemblem trägt, auf Selbstauskunft des Anbieters beruht. Ob das dann auch zutrifft, kann ich nicht beurteilen.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Behinderte, Jürgen Dusel, hat Deutschland bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention die Note befriedigend bis mangelhaft gegeben. Zu recht?

Das ist eigentlich noch schmeichelhaft, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch mit Behinderung die gleichen Chancen haben soll zu reisen wie ein anderer und es dann in ganz Deutschland nur 800 zertifizierte Hotels gibt. Es hakt aber nicht nur an der Zahl der Angebote. Nehmen Sie die Gruppenreisen. Hier hat die EU-Pauschalreiserichtlinie verfügt, dass die Veranstalter ihre Angebote, die für Menschen mit Behinderung im Allgemeinen geeignet sind, kennzeichnen müssen. Das ist kaum zu erfüllen, denn es gibt kein Angebot, das gleichermaßen für alle Behinderungsarten passt. Viele Anbieter haben daraus den Umkehrschluss gezogen und ihre Angebote als grundsätzlich ungeeignet für behinderte Reisende erklärt. Das wirkt ablehnend, wenn nicht diskriminierend.

Sehen Sie denn gar keine Fortschritte beim barrierefreien Tourismus?

Es hat Fortschritte in den vergangenen Jahren gegeben, aber nur sehr zäh. Wenn Sie als Maßstab für den Fortschritt beim barrierefreien Reisen die UN-Konvention und die deutsche Gesetzgebung nehmen, dann sind wir noch Lichtjahre von dem dort beschriebenen Ziel entfernt.

Wie viele Menschen mit Behinderung in Deutschland reisen überhaupt?

Eine Studie der EU, allerdings aus dem Jahr 2014, schätzt die Zahl auf mehrere Millionen Reisende pro Jahr in ganz Europa. Dabei gehen die Macher richtigerweise davon aus, dass Menschen mit Behinderung nicht alleine, sondern meist in Begleitung reisen. Des weiteren ist es ja so, dass in einer Gruppe, in der ein Reisender mit Behinderung ist, dieser ausschlaggebend ist und eben ein barrierefreies Angebot gesucht wird. Man darf also nicht nur die Zahl der behinderten Reisenden nehmen. Das wirtschaftliche Gesamtpotential ist dabei enorm: Die EU-Studie schätzt es auf bis zu 150 Milliarden Euro.


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